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Reiz und Sinneszelle


Bei der Wahrnehmung spielen verschieden Eigenschaften auf der Seite des Reizes so-
wie des menschlichen Organismus eine Rolle. Die Erkenntnisse stammen zum Teil aus dem 19. Jahrhundert. In dieser Zeit be-
schäftigte sich die Psychophysik mit dem Thema. Diese untersuchte das Verhältnis von subjektivem Empfinden zu objektiven Reizkonstellationen (vgl. Schönpflug & Schönpflug, 1995; S. 111-113). Ein anderer Teil des heutigen Wissens kommt aus der Neuro- und Sinnesphysiologie sowie der All-
gemeinen Psychologie.


Psychophysische Erkenntnisse

Damit eine Information aus der Umwelt vom Menschen überhaupt aufgenommen werden kann, muß der Reiz eine bestimmte Min-
destintensität aufweisen. Dies wird als Ab-solutschwelle bezeichnet. Nach der Signal-
Entdeckungs-Theorie wird die Absolut-
schwelle durch den Vergleich von Fehlern und richtigen Anworten ermittelt (Goldstein,

1997; S. 551-558). Zu beachten ist, daß die Grenze zwischen Wahrnehmen und Nicht-
wahrnehmen fließend und bei jedem Men-
schen verschieden ist (Handwerker, 1993; S. 215). Wenn man z.B. zwei blaue Hinter-
grundfarben einer Website danach beurtei-
len soll, welche der beiden heller bzw. dunkler ist, kommt eine weitere Schwelle hinzu - die Unterscheidungsschwelle. Da-
runter versteht man die Intensitätszunahme eines Reizes, welcher notwendig ist, um diesen als vom vorhergehenden Reiz ver-
schieden anzusehen (vgl. Handwerker, 1993; S. 217). Weber entdeckte, daß der Betrag der Intensitätszunahme immer in einem bestimmten Verhältnis (Webersche Konstante) zum vorangehenden Reiz steht. Diese Funktion wird als Webersches Ge-
setz bezeichnet. Die Webersche Konstante bei Helligkeit beträgt zum Beispiel 2 bis 5% (Schönpflug & Schönpflug, 1995; S. 115). Das heißt, ein zweiter Reiz muß also um ca. 2 bis 5 Prozent heller sein als der erste, damit er auch als heller eingestuft werden kann.




Fechner ermittelte mit Hilfe des Webersch-
en Gesetzes eine logarithmische Funktion für das Verhältnis von Reizintensität zu Empfindungsstärke. Diese Funktion zeigt, daß die Differenz zwischen vorhergehenden und nachfolgenden Reiz um so größer sein muß, je stärker der Ausgangsreiz ist (vgl. Handwerker, 1993; S. 217-218). Da es sich um eine Logarithmusfunktion handelt, ist ab einer bestimmten Reizintensität praktisch keine Unterscheidung mehr möglich.


Physiologische Erkenntnisse

Die Rezeptoren für visuelle Reize sind die Stäbchen und Zapfen der Netzhaut. In beiden Bestandteilen der Netzhaut befindet sich der Sehfarbstoff. Die Zapfen dienen dem Sehen bei Dunkelheit (skoptisches Sehen). Hierbei vollzieht sich die Wahrneh-
mung nach dem Prinzip der Anpassung. Die Rezeptoren werden nach und nach ent-
sprechend den herrschenden Lichtverhält-

nissen sensibilisiert. Diesen Prozeß be-
zeichnet man als Dunkeladaption (Grüsser & Grüsser-Cornehls, 1973; S. 114-115). Die Reizstärke für die notwendige Absolut-
schwelle wird durch Summierung über die Zeit erreicht. Auch die entgegengesetzte Richtung des Adaptionsvorganges, die An-
passung an Helligkeit, ist möglich. Erfolgt der Wechsel der Lichtverhältnisse sehr schnell und ist der Intensitätsunterschied ebenfalls groß, kann es zu einer Blendung kommen. Dadurch wird die Empfindlichkeit der Rezeptoren und die Wahrnehmung von Formen herabgesetzt (Grüsser & Grüsser-
Cornehls, 1973; S. 116-117). Die Sinnes-
zellen der Retina können unterschiedlich den Lichtverhältnissen angepaßt sein. Man spricht von einer Lokaladaption. Auf diese Weise kann es zu Nachbildern kommen, wenn man zum Beispiel direkt in ein grelles Licht schaut und danach einen anderen Ge-
genstand fixiert (vgl. Birbaumer & Schmidt, 1996; S. 375).



Fechner`s Gesetz
Logarithmische Funktion beim Fechnerschen Gesetzt




Verschieden stark adaptierte Sensoren (Lo-
kaladaption) erklären in Verbindung mit der Augenbewegung (Saccade) das Auftreten negativer Nachbilder. Negativ bedeutet ein Nachbild in der Gegenfarbe. Der Reiz ge-
langt durch die Saccaden auf unterschied-
lich stark adaptierte Netzhautbereiche. Die-
se Bewegung dient dazu, unsere Rezept-
oren nicht zu überlasten (vgl. Birbaumer & Schmidt, 1996; S. 375). Negative Nachbil-
der sind zum Beispiel verantwortlich für die Wahrnehmung von Scheinbewegungen oder eines Flimmerns beim Betrachten von man-
chen statischen Bildern.

Die Zapfen der Netzhaut sind zuständig für das farbliche (photopische) Sehen. Einzel-
heiten der Farbwahrnehmung werden weiter unten näher diskutiert.

Allgemein psychologische Erkenntnisse

Ob ein Wahrnehmungsgegenstand als hell oder dunkel eingestuft wird, hängt nicht nur von seinen objektiven Eigenschaften oder von den Sinneszellen ab. Menschliche Ur-
teile sind meist Ergebnisse von Vergleichs-
prozessen. Von vielen wahrgenommenen Reizen wird ein Durchschnitt (neutraler Punkt) gebildet. Dieser ist wiederum Aus-
gangspunkt des Vergleiches und wird als Anker bezeichnet. Nur was über dem Durchschnitt liegt, wird als hell bezeichnet (vgl. Schönpflug & Schönpflug, 1995; S.116-
119). Diese Besonderheit ist jedoch keine Eigenschaft der Sinneszellen sondern der menschlichen Informationsverarbeitung.


Scheinbewegung
Scheinbewegung /Flimmern bei einem statischen Bild




Literatur

Birbaumer, N., Schmidt, R.S. (1996). Biopsychologie. Berlin: Springer

Goldstein, E.B. (1997). Wahrnehmungs-
psychologie
. Heidelberg: Spektrum

Grüsser, O.-J., Grüsser-Cornehls, U. (1973). Physiologie des Sehens. In: Schmidt, R.F. (Hrsg.). (1973). Grundriß der Sinnesphysiologie. Berlin /Heidelberg: Springer

Handwerker, H.O. (1993). Allgemeine Sinnesphysiologie. In: Schmidt, R.F. (Hrsg.). (1993). Neuro- und Sinnes-physiologie. Berlin /Heidelberg: Springer

Schönpflug, W., Schönpflug, U. (1995). Psychologie. Weinheim: Beltz.



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