Dirk Steinborn - Watamu Design Berlin  


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Allgemeines Modell     Visuelles System     Reiz und Sinneszelle     Farbe            

Gestaltgesetze     Gedächtnis     Hemisphären     Aufmerksamkeit



Das Gedächtnis


Das Drei-Speicher-Modell

Grundlage für die weiteren Ausführungen soll das Drei-Speicher-Modell nach Atkin-
son und Shiffrin (1968) bilden. Es wurde deshalb gewählt, weil es in einer gewissen Analogie auch in dem allgemeinen Modell der Wahrnehmung von Murch und Wood-
worth (1978) wiederzufinden ist. Das Modell ist eine starke Vereinfachung der komplex-
en Prozesse des menschlichen Gedächt-
nisses. Es unterscheidet drei verschiedene Speicher: Sensorischer Speicher, Kurzzeit-
speicher und Langzeitspeicher. Der Sensor-
ische Speicher (ikonisches Gedächtnis für visuelle Reize) speichert die neu ankom-
menden Informationen. Er hat eine große Kapazität, manche Autoren gehen davon aus, daß er überhaupt keine besitzt. Bei der visuellen Wahrnehmung werden Informat-
ionen etwa 250 Millisekunden bis 2 Sekun-
den gehalten. Eine Bedeutungsanalyse der Informationen findet in diesem Stadium der

Verarbeitung noch nicht statt. Trotzdem muß es eine Verbindung zum Langzeit-
speicher geben, da Gefahrensituationen sehr schnell eingeschätzt werden können (vgl. Bredenkamp & Wippich, 1977; S. 70-72). Der Sensorische Speicher ist analog dem Reizspeicher in dem Modell von Murch und Woodworth zu sehen.

Die Informationen gelangen nun in den Kurz-
zeitspeicher. Dieser besitzt nach Miller (1956) eine begrenzte Kapazität von etwa 7 (+/- 2) Einheiten, welche zwischen 2 bis 30 Sekunden behalten werden. Danach beginnt das Vergessen. Es können zum Teil aber wesentlich mehr Informationen festgehalten werden, da einzelne Elemente zu soge-
nannten Chunks zusammengeschlossen werden können. Unter Chunks versteht man eine Art Gruppierung (vgl. Bredenkamp & Wippich, 1977; S. 75-76). So werden Tele-
fonnummern zum Beispiel in zweier oder dreier Gruppen unterteilt zum besseren Be-
halten.




Die Anzahl der Chunks ist auf ca. 5 bis 7 begrenzt. Bei der visuellen Wahrnehmung handelt es sich um visuelle Muster (vgl. Birbaumer & Schmidt, 1996; S. 272-273).

Vom Kurzzeitgedächtnis besteht neben der Verbindung zum Sensorischen Speicher eine Verbindung zum Langzeitspeicher. Alle Informationen, welche von außen und innen (Kognitionen) kommen, müssen den Kurz-
zeitspeicher passieren (vgl. Schönpflug & Schönpflug, 1995; S. 242). Nach Breden-
kamp und Wippich (1977) läßt sich heute aber die Annahme eines solchen sequent-
iellen Informationsflusses nicht mehr auf-
rechterhalten. Vielmehr sollte das Stadium des Verarbeitungsniveaus für ein Gedächt-
niskonzept von Bedeutung sein (vgl. Bre-
denkamp & Wippich, 1977; S. 81). Eine weitere Leistung des Kurzzeitgedächtnisses ist das Erzeugen von Bewußtsein. Das Langzeitgedächtnis arbeitet unbewußt (vgl. Birbaumer & Schmidt, 1996; S. 513). Un-

sere gesamten Erfahrungen sowie unserer Wissen sind im Langzeitgedächtnis ge-
speichert. Es hat eine fast unbegrenzte Kapazität. Nachdem in den beiden anderen Speichern eine sensorische Repräsentation (Ordnung nach formalen Gesichtspunkten, visuelle Muster) der Informationen dominiert, sind die Inhalte des Langzeitspeichers se-
mantisch organisiert. Eine Übernahme der Informationen aus dem Kurzzeitgedächtnis erfolgt meist über das mehrmalige Darbieten bzw. Wiederholen dieser Informationen. Je tiefer der Inhalt in seiner Bedeutung er-
schlossen wurde, desto besser wird dieser gespeichert (vgl. Schönpflug & Schönpflug, 1995; S. 239-241). Die Bedeutung scheint das das wichtigste Maß zu sein, da man-
che Wahrnehmungserlebnisse bereits nach einmaliger Darbietung nicht mehr vergessen werden. Das Langzeitgedächtnis wird oft in verschiedene Systeme unterteilt. Die Ta-
belle stellt eine Übersicht der in der Liter-
atur verwendeten Einteilung dar.


Tabelle: Einteilung der Gedächtnissysteme

   
System

Wissensart Wiedergabe

   
prozeduales
  Gedächtnis


Wissen über Handlungsabläufe



implizit



   
semantisches
  Gedächtnis


Faktenwissen, Sprache,
Begriffssysteme, Schemata


implizit / explizit


   
episodisches
  Gedächtnis


Wissen über Ereignisse,
autobiographisches Wissen


explizit






Organisation des Langzeitgedächtnis

Man nimmt an, daß unser Wissen in soge-
nannten neuralen Netzwerken oder Asso-
ziationsnetzen im Gehirn repräsentiert wird (vgl. Klimesch, 1988; S. 54-63). Dort, wo die Verbindungen sich kreuzen, befinden sich eine Art Knoten. Ein Knoten repräsentiert zum Beispiel das Wort Internet. Dieser Knotenpunkt hat nun Verzweigungen zu an-
deren Wörtern wie zum Beispiel Daten-
autobahn
, Server, Computer, Modem, chat-
ten
usw. Wird durch einen Reiz oder eine Kognition das Wort Internet aktiviert, breitet sich diese Aktivierung entlang der Verbind-
ungen aus. Diese sind jedoch unterschied-
lich stark ausgeprägt. So kann die Erreg-
ungsleitung zum Wort Computer eventuell schneller erfolgen als zum Wort Datenauto-
bahn
. Das hängt letztlich von der Stärke der jeweiligen Gedächtnisspuren ab, was wie-
derum individuell erfahrungsbedingt ist (vgl. Felser, 1997; S. 133-134). Die Aktivierungs-ausbreitung im neuralen Netzwerk wird auch als assoziative
Bahnung, Aktivierung oder Priming bezeich-net und kann sequentiell sowie parallel er-folgen (vgl. Engelkamp, 1990; S. 82-83), das heißt, die anderen

Knoten werden vorgewärmt. Manchmal wird die Frage gestellt, was einem zu dem Wort Internet einfällt. Das daraufhin zuerst ge-
nannte Wort /Sachverhalt, hat dann die stärkste assoziative Verbindung zum Begriff Internet. Die Stärke der umgekehrten Rich-
tung ist nicht unbedingt genauso groß.

In neuralen Netzen können komplette Ereig-
nisse oder Prozeduren gespeichert und mit emotionalen Komponenten verbunden sein. So ist es eine Besonderheit des semant-
ischen Gedächtnisses, Wissen in Form von Schemata abzuspeichern. Das sind Rah-
men um ein bestimmtes Objekt /Ereignis bzw. das allgemeine Wissen darüber. Dabei werden besondere Schlüsselmerkmale ab-
gespeichert, welche das Schema aktivieren können. Ein Gebäude, in das Schienen hin-
einführen und in dem viele Menschen sind, löst zum Beispiel das Schema Bahnhof aus. Im Gedächtnis sind zusätzlich dazu soge-nannte Scripte mit den Schemata verknüpft. Diese enthalten Informationen über Bezieh-ungen, Ereignisse und mög-
liche Handlungen bezüglich der Schemata (vgl. Schönpflug &.Schönpflug, 1995; S. 170-171).


Neuronales Netz
Vereinfachtes Schema eines Assoziationsnetzes




Duale Codierung

Pavio (1971) unterteilte zwei verschiedene Systeme zur Repräsentation von Informat-
ionen im Gehirn. Er unterscheidet ein Sys-
tem für sprachliche und eines für visuelle Reize. Einfache, konkrete Bilder bzw. Wör-
ter werden doppelt abgelegt im Gedächtnis. Dies wird als duale Codierung bezeichnet. Die Bilder werden mit Wörtern benannt und Wörter mit visuellen Merkmalen verbunden. Abstrakte Begriffe können jedoch nur im sprachlichen System gespeichert, da sie schwer zu visualisieren sind. Inhalte, welche in einem dualen Code abgelegt sind, kön-
nen besser und schneller erinnert werden, als Inhalte, die lediglich in einem System repräsentiert sind. Weiterhin ist das Benen-
nen von Bildern ein schnellerer Prozeß als das Visualisieren von Wörtern. Somit prä-
gen sich diese auch besser ein. Konkrete Wörter werden wiederum besser eingeprägt und erinnert als abstrakte (vgl. Bredenkamp & Wippich, 1977; S. 52-56).


Recall und Recognition

In der Literatur werden oft zwei verschiedene Arten genannt, welche sich auf die Aktivier-
ung von Gedächtnisinhalten beziehen. Es geht dabei um die Unterscheidung zwischen Erinnerung mit Unterstützung (Recognition) und freiem Erinnern (Recall).

Wie die Beschreibung der beiden Begriffe bereits vermuten läßt, ist das Wiederer-
kennen von bestimmten Informationen ein-
facher als die freie Reproduktion. Nach Schönpflug und Schönpflug (1995) ist das damit zu erklären, daß beim Wiedererken-
nen lediglich ein Mustervergleich vollzogen werden muß. Das freie Erinnern erfordert jedoch noch einen weiteren Schritt, den Abruf aus dem Gedächtnis. Anschließend muß wieder geprüft werden, ob der Abruf mit dem Gefundenen übereinstimmt (vgl. Schönpflug & Schönpflug, 1995; S. 232).



Literatur

Birbaumer, N., Schmidt, R.S. (1996). Biopsychologie. Berlin: Springer.

Bredenkamp, J., Wippich, W. (1977). Lern-
und Gedächtnispsychologie - Band II
. Stuttgart: Kohlhammer

Engelkamp, J. (1990). Das menschliche Gedächtnis. Göttingen: Hogrefe

Felser, G. (1997). Werbe- und Konsumentenpsychologie. Berlin: Schäffer-Poeschel.

Klimesch, W. (1988). Struktur und Aktivierung des Gedächtnisses. Bern /Stuttgart: Hans Huber

Murch, G.M., Woodworth, G.L. (1978). Wahrnehmung. Stuttgart: Kohlhammer

Schönpflug, W., Schönpflug, U. (1995). Psychologie. Weinheim: Beltz



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